Die ersten Jahrhunderte
KirchengeschichteVon Clemens von Rom bis Tertullian
Eine Auswahl von Zeugnissen der frühen Kirche, von bis Tertullian, jeweils mit den Stellen aus der Bibel und dem Katechismus und mit den Quellentexten der Kirchenväter. Sie erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
Zusammen ergeben diese Zeugnisse dennoch ein klares Bild. Die frühe Kirche kennt Bischöfe, Presbyter und Diakone in der Nachfolge der Apostel, feiert die Eucharistie als Leib und Blut Christi und als Opfer, versteht die Taufe als Wiedergeburt, betet für die Verstorbenen und prüft die Lehre an der Schrift und an der Überlieferung der apostolischen Kirchen. Die Kennzeichen protestantischer und besonders freikirchlicher Theologie und Praxis fehlen dagegen. In keinem dieser Zeugnisse findet sich die Schrift als alleinige Glaubensregel ohne verbindliche Überlieferung, eine Gemeinde ohne Amtsträger in der Nachfolge der Apostel, ein Abendmahl als bloßes Gedächtnismahl oder eine Taufe als bloßes Bekenntniszeichen. Als geschlossene Lehre gibt es diese Positionen erst seit der Reformation im 16. Jahrhundert.
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Um 96 n. Chr.
Clemens von Rom spricht bereits von apostolischer Amtsnachfolge
Clemens von Rom – Bischof von Rom, nach Irenäus der dritte Nachfolger der Apostel (nach Linus und Anaklet); er kannte die Apostel noch persönlich.
Der 1. Clemensbrief liegt zeitlich bemerkenswert nahe an der apostolischen Generation. Dort wird beschrieben, dass die Apostel Bischöfe und Diakone einsetzten und Vorsorge dafür trafen, dass nach deren Tod andere bewährte Männer ihren Dienst übernehmen sollten.
Ein entsprechendes Prinzip ist bereits im Neuen Testament zu erkennen. Nach dem Tod des Judas wird sein Amt nicht einfach aufgehoben, sondern Matthias tritt an seine Stelle (). Paulus und Barnabas setzen in den Gemeinden Älteste ein (), und Paulus beauftragt Timotheus, das Empfangene an zuverlässige Männer weiterzugeben, die wiederum andere lehren können (). In wird Titus ausdrücklich damit beauftragt, in jeder Stadt Presbyter einzusetzen.
Die katholische Kirche bezeichnet diese fortgesetzte Weitergabe des apostolischen Amtes als apostolische Sukzession (vgl. ). Das beweist noch nicht jedes spätere Detail des katholischen Amtsverständnisses, zeigt aber, dass geordnete Amtsnachfolge keine mittelalterliche Neuerfindung ist.
Quellen
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Spätes 1./frühes 2. Jahrhundert
Die Didache kennt Taufe, Eucharistie, Sonntagsversammlung, Sündenbekenntnis sowie Bischöfe und Diakone
Didache – Gemeindeordnung eines unbekannten Verfassers, wohl aus Syrien; die älteste erhaltene Kirchenordnung.
Die Didache zeigt eine frühe christliche Gemeindeordnung, die bereits erstaunlich viele Elemente kennt, die später selbstverständlich zum katholischen Kirchenleben gehören: Taufe, Eucharistie, regelmäßige Versammlung am Herrentag, Sündenbekenntnis und geordnete Ämter.
Diese Dinge stehen zugleich in engem Zusammenhang mit dem Neuen Testament. verbindet die Taufe mit dem Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. verbindet Taufe, Vergebung, apostolische Lehre, Gemeinschaft und Brotbrechen. berichtet von einer Versammlung „am ersten Tag der Woche“, um das Brot zu brechen. nennt bereits Bischöfe und Diakone (griechisch episkopoi und diakonoi, wörtlich Aufseher und Diener).
Es ist daher schwer, eine sakramentale und geordnete Kirchenstruktur pauschal als spätere mittelalterliche Entwicklung darzustellen.
Quellen
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Anfang des 2. Jahrhunderts
Ignatius von Antiochien vertritt eine sehr reale Eucharistieauffassung
Ignatius von Antiochien – Bischof von Antiochien in Syrien; schrieb auf dem Weg zu seinem Martyrium in Rom sieben Briefe.
Ignatius kritisiert christliche Gruppen gerade deshalb, weil sie nicht bekennen, dass die Eucharistie das Fleisch Jesu Christi sei. Gleichzeitig bindet er die Feier der Eucharistie an den Bischof oder an jemanden, der von ihm dazu beauftragt wurde.
Das ist für die Frage nach der frühen Eucharistieauffassung bedeutend. Schon Paulus fragt in : „Ist das Brot, das wir brechen, nicht Teilhabe am Leib Christi?“ In warnt er davor, sich „am Leib und am Blut des Herrn“ schuldig zu machen, wenn man unwürdig von Brot und Kelch isst. Auch Jesu Worte „Das ist mein Leib“ und „Das ist mein Blut“ in wurden in der frühen Kirche offensichtlich nicht ausschließlich als unverbindliche Symbolsprache verstanden.
Die spätere scholastische Erklärung des Begriffs „Transsubstantiation“ findet sich bei Ignatius natürlich noch nicht. Eine ausschließlich symbolische Eucharistielehre lässt sich aber ebenso wenig als die unbestrittene Position der frühesten Christen darstellen (vgl. ).
Quellen
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Um 150
Justin der Märtyrer beschreibt einen strukturierten Sonntagsgottesdienst
Justin der Märtyrer – Philosoph aus Samarien, nach seiner Bekehrung christlicher Lehrer in Rom; verteidigte den Glauben in Schriften an den Kaiser und starb um 165 als Märtyrer.
Justin berichtet von einer sonntäglichen Versammlung, in der aus den apostolischen und prophetischen Schriften gelesen wird. Anschließend folgt eine Auslegung, danach gemeinsames Gebet und schließlich die Eucharistie.
Diese Struktur besitzt auffällige Parallelen zum Neuen Testament. verbindet den ersten Tag der Woche mit dem Brotbrechen; nennt das öffentliche Vorlesen, Ermahnen und Lehren; beschreibt die frühe Gemeinde mit den vier Kennzeichen „Lehre der Apostel“, „Gemeinschaft“, „Brechen des Brotes“ und „Gebete“.
Die katholische Liturgie versteht die Verbindung von Wortgottesdienst und Eucharistie bis heute als zwei zusammengehörige Teile derselben Feier (vgl. ). Die Grundstruktur ist also keineswegs eine spätmittelalterliche Erfindung.
Quellen
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Justin versteht die Eucharistie nicht als gewöhnliches Brot und gewöhnlichen Trank
Justin erklärt ausdrücklich, Christen betrachteten die Eucharistie nicht als gewöhnliche Nahrung. Er verbindet sie vielmehr mit dem Fleisch und Blut des menschgewordenen Christus.
Auch Paulus spricht in nicht nur von einem Erinnerungszeichen, sondern von „Teilhabe am Blut Christi“ und „Teilhabe am Leib Christi“. In warnt er davor, den Leib des Herrn nicht zu unterscheiden.
Jesus selbst spricht in so deutlich, dass viele Jünger Anstoß nehmen: „Denn mein Fleisch ist wahrhaft eine Speise und mein Blut ist wahrhaft ein Trank“ (). Bühne liest diese Worte als Bild und beruft sich auf : „Der Geist ist es, der lebendig macht; das Fleisch nützt nichts“ (). Katholische Ausleger weisen darauf hin, dass Jesus dort vom „Fleisch“ spricht und nicht von „meinem Fleisch“, das er kurz zuvor als Brot „für das Leben der Welt“ bezeichnet (). Und als viele Jünger weggehen, ruft er sie nicht mit einer bildlichen Erklärung zurück, sondern fragt die Zwölf: „Wollt auch ihr weggehen?“ (; vgl. ).
Die katholische Lehre von der wirklichen Gegenwart Christi in der Eucharistie steht daher zumindest in einer sehr alten christlichen Auslegungstradition (vgl. ).
Quellen
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Justin verbindet die Taufe mit Sündenvergebung und Wiedergeburt
Eine rein symbolische Taufauffassung lässt sich ebenfalls nicht ohne Weiteres zur einzig ursprünglichen christlichen Position erklären. Justin verbindet die Taufe bereits mit Wiedergeburt und Vergebung.
Das Neue Testament verwendet eine ähnlich starke Sprache. Petrus sagt: „Kehrt um und jeder von euch lasse sich auf den Namen Jesu Christi taufen zur Vergebung eurer Sünden“ (). Paulus wird aufgefordert: „Steh auf, lass dich taufen und deine Sünden abwaschen“ (). In verbindet Paulus die Taufe mit dem Tod und der Auferstehung Christi; spricht vom „Bad der Wiedergeburt“, und spricht sogar von der Taufe, „die jetzt euch rettet“.
Das katholische Verständnis der Taufe als wirksames Sakrament steht deshalb nicht ohne biblische und frühchristliche Grundlage da (vgl. ; ).
Quellen
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Um 180
Irenäus beruft sich ausdrücklich auf apostolische Tradition und Bischofsnachfolge
Irenäus von Lyon – Bischof von Lyon in Gallien; stammte aus Kleinasien und hörte in seiner Jugend Polykarp, der noch von den Aposteln unterrichtet worden war.
Irenäus argumentiert gegen gnostische Sonderlehren nicht ausschließlich mit einzelnen Schriftstellen. Er verweist ebenso auf die öffentlich überlieferte apostolische Lehre und auf die Gemeinden, deren Bischöfe in einer geschichtlichen Verbindung zu den Aposteln stehen.
Dieses Vorgehen besitzt neutestamentliche Parallelen. Paulus fordert die Christen auf, an den Überlieferungen festzuhalten, die sie „sei es mündlich, sei es durch einen Brief“ empfangen haben (). Timotheus soll das von Paulus Gehörte wiederum zuverlässigen Lehrern anvertrauen (). Titus soll in den Städten Presbyter einsetzen ().
Apostolische Überlieferung und Amtssukzession sind daher bereits im 2. Jahrhundert deutlich greifbar und passen zu neutestamentlichen Strukturen (vgl. ; ).
Quellen
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Irenäus hebt die Kirche von Rom schon im 2. Jahrhundert besonders hervor
Man sollte daraus nicht unmittelbar jedes spätere Papstdogma ableiten. Dennoch ist historisch bemerkenswert, dass Irenäus gerade die römische Kirche als besonders wichtiges Beispiel apostolischer Kontinuität anführt und ihre Bischofsfolge aufzählt.
Die Liste beginnt mit : Ihm übertrugen die Apostel nach Irenäus die Leitung der römischen Kirche, und Paulus erwähnt ihn in . Eigene Schriften oder Aussagen von sind nicht erhalten. An dritter Stelle nach den Aposteln folgt , dessen Brief an die Gemeinde in Korinth am Anfang dieser Zeitleiste steht.
Das Neue Testament selbst räumt Petrus eine auffällige Stellung ein. Jesus gibt ihm die Schlüssel des Himmelreiches (), betet besonders für seinen Glauben und beauftragt ihn, seine Brüder zu stärken (). In erhält Petrus dreimal den Auftrag, die Herde zu weiden, zuletzt mit den Worten: „Weide meine Schafe!“ In der Apostelgeschichte ist er Sprecher bei der Wahl des Matthias (), hält die Pfingstpredigt (), spielt eine Schlüsselrolle bei der Aufnahme der Heiden () und spricht beim Apostelkonzil ().
Das Bild der Schlüssel greift auf das Alte Testament zurück. Beim Propheten Jesaja setzt Gott Eljakim an Stelle Schebnas als Palastvorsteher des Königs ein: „Ich werde ihm den Schlüssel des Hauses David auf die Schulter legen. Er wird öffnen und niemand ist da, der schließt; er wird schließen und niemand ist da, der öffnet“ (). Der Schlüssel steht für ein Amt, das im Auftrag des Königs ausgeübt wird und von einem Träger auf den nächsten übergeht (). Den Schlüssel Davids hat Christus selbst (); Petrus erhält die Schlüssel als Verwalter in seinem Auftrag, also die Vollmacht, „das Haus Gottes, die Kirche, zu leiten“ ().
Die katholische Deutung des Petrusdienstes entsteht also nicht aus einem völligen historischen und biblischen Vakuum (vgl. ; ).
Quellen
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Irenäus bezeichnet die Eucharistie als Opfergabe der Kirche
Auch die Verbindung von Eucharistie und Opfer ist älter als das Mittelalter. Irenäus spricht von der Opfergabe der Kirche und verbindet die Eucharistie mit christlicher Darbringung und Danksagung.
Die katholische Kirche versteht dies nicht als erneute Tötung Christi. Das Kreuzesopfer bleibt einmalig. In der Eucharistie wird dieses eine Opfer sakramental gegenwärtig (vgl. ). Paulus verbindet in ausdrücklich Eucharistie, Tischgemeinschaft und Opferterminologie. spricht davon, dass Christen einen „Altar“ haben, während die Gläubigen auffordert, sich „zu einer heiligen Priesterschaft“ aufbauen zu lassen, „um durch Jesus Christus geistige Opfer darzubringen“.
Die Sprache von Opfer und Eucharistie ist deshalb bereits sehr früh christlich belegt.
Quellen
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Um 200
Tertullian argumentiert nicht mit „Schrift allein“ im modernen evangelikalen Sinn
Tertullian – Theologe in Karthago und der erste bedeutende lateinisch schreibende Kirchenschriftsteller; wandte sich später den Montanisten zu, einer strengen prophetischen Bewegung.
Tertullian besitzt eine sehr hohe Sicht der Heiligen Schrift. Gleichzeitig betrachtet er die apostolischen Kirchen, deren überlieferte Lehre und deren geschichtliche Kontinuität als wichtige Kriterien, um neue Irrlehren zurückzuweisen.
Damit steht er näher an dem Muster von , wo Paulus schriftliche und mündliche apostolische Überlieferung nebeneinander nennt, als an der Vorstellung, die Kirche habe ausschließlich einen bereits vollständig festgelegten Bibelkanon benutzt, um jede Glaubensfrage individuell zu entscheiden.
Die katholische Verbindung von Schrift und apostolischer Überlieferung (vgl. ) ist deshalb keineswegs erst eine Reaktion auf die Reformation.
Quellen
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Der vollständige heutige neutestamentliche Kanon lag den ersten Christen noch nicht als Sammlung von 27 Büchern vor
Die neutestamentlichen Schriften wurden früh als hochautoritative apostolische Texte gelesen. zählt Paulusbriefe bereits zu den „Schriften“, zeigt, dass apostolische Briefe zwischen Gemeinden ausgetauscht wurden, und verlangt deren öffentliche Verlesung.
Trotzdem existierte im 1. und frühen 2. Jahrhundert noch keine überall abschließend festgelegte Sammlung genau jener 27 Bücher, die heute das Neue Testament bilden. Die genaue Abgrenzung wurde über längere Zeit innerhalb der Kirche geklärt.
Das ist für die Frage nach „Schrift allein“ von Bedeutung. Die ersten Christen besaßen die Heilige Schrift, aber sie lebten zugleich innerhalb einer apostolischen Lehr-, Gottesdienst- und Amtsgemeinschaft. Auch und zeigen, dass nicht alles, was Jesus tat und lehrte, schriftlich aufgezeichnet wurde. Der katholische Gedanke, dass die Kirche den Kanon nicht geschaffen, aber in der apostolischen Überlieferung erkannt und bewahrt hat, fügt sich in diesen historischen Prozess ein (vgl. ; ).
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Gebet für Verstorbene ist ebenfalls früh belegt
Fürbitte für Verstorbene ist keine rein spätmittelalterliche Erscheinung. Damit ist noch nicht automatisch jedes spätere Detail der Fegefeuerlehre bewiesen. Es zeigt aber, dass die Praxis selbst deutlich älter ist.
Der klarste biblische Bezug steht in , wo ausdrücklich für Verstorbene gebetet wird. Im Neuen Testament wird häufig diskutiert, weil Paulus für Onesiphorus bittet, der Herr möge ihm „an jenem Tag“ Barmherzigkeit schenken. wiederum beschreibt eine Prüfung nach dem Tod, bei der jemand Verlust erleidet und dennoch gerettet wird.
Die katholische Praxis des Gebets für Verstorbene steht deshalb in Verbindung mit dem umfassenderen Glauben an die Gemeinschaft der Heiligen und an eine endgültige Reinigung nach dem Tod (vgl. ; ).
Quellen