Die ersten Jahrhunderte

Die frühe Kirche

Zeugen von Clemens von Rom bis Augustinus

Wer wissen will, was die ersten Christen glaubten, kann sie selbst lesen. Ihre Briefe, Predigten und Gemeindeordnungen sind erhalten, manche aus einer Zeit, in der noch Schüler der Apostel lebten. Diese Seite stellt eine Auswahl zusammen, jeweils mit dem Kernsatz im Wortlaut und den Stellen aus Bibel und Katechismus. Dazu kommen Zeugen, die nicht reden: Inschriften, Wandbilder und Mosaike, ein Papyrusblatt, sogar ein Spottbild von Heiden.

Vollständig ist die Auswahl nicht. Sie folgt den Fragen, über die katholische und freikirchliche Christen bis heute sprechen, etwa nach Abendmahl und Taufe. Über der Zeitleiste lassen sich die Zeugnisse nach Themen auswählen. Am Ende steht, was sie zusammen zeigen, mit einer Karte ihrer Orte.

Die Kette der Zeugen

Lebenszeiten, ungefähr, von 20 bis 260 nach Christus

  1. Petrus und Paulus † um 64–67, Apostel, starben in Rom
  2. Johannes † um 100, Apostel, zuletzt in Ephesus
  3. Clemens von Rom Bischof 92–99, kannte die Apostel
  4. Ignatius von Antiochien † um 110, schrieb an Polykarp
  5. Polykarp von Smyrna um 69–155, Schüler der Apostel
  6. Justin der Märtyrer um 100–165, Lehrer in Rom
  7. Irenäus von Lyon um 135–200, hörte Polykarp
  8. Tertullian um 160–220, Karthago
  9. Cyprian von Karthago um 200–258, Bischof, Märtyrer

Zeit der Apostel, bis um 100 Geburtsjahr unsicher

Irenäus schreibt um 180, Polykarp sei „von den Aposteln unterrichtet“ worden, und er selbst habe ihn „noch in unserer Jugend“ gesehen; Johannes habe in Ephesus „bis zu den Zeiten des Trajan“ gelebt (). Von sagt er, er habe „die Apostel noch“ gesehen (). Einen seiner sieben Briefe richtete Ignatius auf dem Weg nach Rom an Polykarp (Brief an Polykarp).

  1. Um 96 n. Chr.: Clemens von Rom bezeugt, dass die Apostel Nachfolger bestellten

    Clemens von Rom – Bischof von Rom, nach Irenäus der dritte Nachfolger der Apostel (nach Linus und Anaklet); er kannte die Apostel noch persönlich.

    „Aus diesem Grunde setzten sie auch … die oben Genannten ein und gaben ihnen dazu Auftrag, dass, wenn sie entschlafen wären, andere erprobte Männer ihren Dienst übernähmen.“

    Um das Jahr 96 schreibt die Gemeinde von Rom an die Gemeinde von Korinth, die ihre Presbyter abgesetzt hat. Der Brief, nach alter Überlieferung von verfasst, erinnert daran, wie die Apostel vorgingen: Sie setzten in den Städten Bischöfe und Diakone ein und sorgten dafür, dass nach deren Tod andere bewährte Männer den Dienst übernahmen.

    Auch im Neuen Testament bleibt ein Amt nicht leer, wenn sein Träger fehlt. Nach dem Tod des Judas tritt Matthias an seine Stelle (). Paulus und Barnabas setzen in den Gemeinden Älteste ein (), Timotheus soll das Empfangene an zuverlässige Männer weitergeben, die wiederum andere lehren können (), und Titus erhält den Auftrag, in jeder Stadt Presbyter einzusetzen ().

    Die Kirche nennt diese fortgesetzte Weitergabe des Amtes die apostolische Nachfolge (). Über die spätere Ordnung der Ämter sagt der Brief wenig. Dass ein Amt von den Aposteln her weitergegeben wird, steht aber schon in einem der ältesten Texte nach dem Neuen Testament.

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  2. Um 96 n. Chr.: Die Kirche von Rom greift in den Streit in Korinth ein

    „Wer aber ungehorsam ist gegen das, was er durch uns gesagt hat, der soll wissen, dass er sich in Sünde und nicht geringe Gefahr verstrickt.“

    Korinth liegt näher an Ephesus als an Rom, und in Ephesus lebte nach alter Überlieferung um diese Zeit noch der Apostel Johannes. Trotzdem ist es die Kirche von Rom, die den Korinthern schreibt, und zwar mit Nachdruck. Sie nennt die Absetzung der Presbyter ein Unrecht und schickt eigene Boten mit, die als Zeugen den Frieden wiederherstellen sollen.

    Am Ende bitten die Römer, man möge befolgen, was sie „durch den Heiligen Geist (geleitet) geschrieben“ haben (). So schreibt eine Kirche, die sich für eine andere verantwortlich weiß. Paulus hatte den Römern bescheinigt, ihr Glaube werde „in der ganzen Welt verkündet“ ().

    Von einem Papst im späteren Sinn spricht der Brief nicht, sein Verfasser nennt nicht einmal seinen Namen. Dass die römische Gemeinde so früh für die Einheit einer anderen Kirche eintritt, gehört aber zu den Wurzeln dessen, was die Kirche den Dienst des Bischofs von Rom nennt ().

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  3. Um 100: Die Didache ordnet Taufe, Eucharistie und das Amt der Bischöfe

    Didache – Gemeindeordnung eines unbekannten Verfassers, wohl aus Syrien; die älteste erhaltene Kirchenordnung.

    „Am Tage des Herrn versammelt euch, brechet das Brot und saget Dank, nachdem ihr zuvor eure Sünden bekannt habet, damit euer Opfer rein sei.“

    Die „Lehre der zwölf Apostel“ ist eine kurze Gemeindeordnung, wohl aus Syrien; wann genau sie entstand, ist umstritten, die meisten denken an die Zeit um 100. Sie regelt, wie getauft wird, wer an der Eucharistie teilnehmen darf und wie die Gemeinde ihre Bischöfe und Diakone wählt. Am Herrentag kommen die Christen zusammen, bekennen ihre Sünden und feiern die Eucharistie, die die Didache ein Opfer nennt.

    Vieles davon steht schon im Neuen Testament. verbindet die Taufe mit dem Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. In gehören Taufe, Vergebung, die Lehre der Apostel, die Gemeinschaft und das Brotbrechen zusammen. berichtet von einer Versammlung „am ersten Tag der Woche“, um das Brot zu brechen, und nennt Bischöfe und Diakone (griechisch episkopoi und diakonoi, wörtlich Aufseher und Diener).

    Wer die Kirche mit Sakramenten und geordneten Ämtern für eine spätere Entwicklung hält, findet ihr Bild hier schon in der Generation nach den Aposteln.

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  4. Um 110: Ignatius von Antiochien nennt die Eucharistie das Fleisch Christi

    Ignatius von Antiochien – Bischof von Antiochien in Syrien; schrieb auf dem Weg zu seinem Martyrium in Rom sieben Briefe.

    „Von der Eucharistie und dem Gebete halten sie sich ferne, weil sie nicht bekennen, dass die Eucharistie das Fleisch unseres Erlösers Jesus Christus ist, das für unsere Sünden gelitten hat …“

    Auf dem Weg zu seinem Martyrium warnt Ignatius die Gemeinde von Smyrna vor Lehrern, die bestritten, dass Christus wirklich im Fleisch gelebt und gelitten hat. Man erkennt sie daran, dass sie der Eucharistie fernbleiben, weil sie nicht bekennen, dass sie das Fleisch Christi ist. Gültig ist für Ignatius nur die Eucharistie, die der Bischof feiert oder jemand, den er dazu beauftragt.

    Schon Paulus fragt in : „Ist das Brot, das wir brechen, nicht Teilhabe am Leib Christi?“ In warnt er davor, sich „am Leib und am Blut des Herrn“ schuldig zu machen, wenn man unwürdig von Brot und Kelch isst. Jesu Worte „Das ist mein Leib“ und „Das ist mein Blut“ () hat die frühe Kirche offensichtlich nicht nur als Bild verstanden.

    Das Wort „Transsubstantiation“ kennt Ignatius noch nicht; es stammt aus dem Mittelalter. Eine rein symbolische Deutung lässt sich aber ebenso wenig als Glaube der ersten Christen ausgeben ().

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  5. Um 110: Bei Ignatius findet sich zum ersten Mal die „katholische Kirche“

    „Wo immer der Bischof sich zeigt, da sei auch das Volk, so wie da, wo Jesus Christus ist, auch die katholische Kirche ist.“

    Im selben Brief steht der älteste erhaltene Beleg für den Ausdruck „katholische Kirche“. Das griechische katholikos heißt „das Ganze betreffend“: die eine Kirche an allen Orten, im Unterschied zu Gruppen, die sich von ihr trennen. Ignatius verbindet sie mit dem Bischof, so wie er die Gemeinde mit Christus verbindet.

    An die Gemeinde von Tralles schreibt er, man solle die Diakone achten wie Jesus Christus, den Bischof wie das Abbild des Vaters und die Presbyter „wie einen Bund von Aposteln“, denn „getrennt von diesen kann man von keiner Kirche reden“ (). Die drei Ämter, die später überall in der Kirche bestehen, sind um 110 in Syrien und Kleinasien selbstverständlich.

    „Katholisch“ ist für Ignatius also mehr als ein Wort für alle, die an Christus glauben. Zur katholischen Kirche gehört, dass sie sich um den Bischof versammelt. Der Katechismus zitiert seinen Satz bis heute ().

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  6. Um 110: Ignatius grüßt die römische Kirche, die „den Vorsitz führt“

    „Nicht wie Petrus und Paulus befehle ich euch. Jene waren Apostel, ich bin ein Verurteilter …“

    Von seinen sieben Briefen schickt Ignatius fünf an Gemeinden in Kleinasien und einen an Polykarp. Der siebte geht nach Rom, und nur in diesem mahnt er weder zur Einheit mit dem Bischof noch warnt er vor Irrlehrern. Stattdessen häuft er im Gruß Ehrentitel und nennt die römische Kirche die, „die auch den Vorsitz führt am Orte des römischen Bezirkes“ und „Vorsteherin ist des Liebesbundes“ ().

    Der Satz über Petrus und Paulus setzt voraus, dass beide Apostel der Gemeinde in Rom etwas zu sagen hatten. Er gehört zu den frühesten Zeugnissen dafür, dass Petrus in Rom war; von seinem Grab am Vatikan erzählt die Seite über den Petersdom.

    Der Katechismus nimmt die Worte des Ignatius auf, wenn er von der Gemeinschaft mit der Kirche von Rom spricht ().

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  7. Um 112: Ein römischer Statthalter berichtet, wie Christen sich versammeln

    Plinius der Jüngere – Römischer Senator und Schriftsteller, um 111–113 Statthalter der Provinz Bithynien und Pontus, selbst kein Christ. Sein Brief an Kaiser Trajan ist der älteste nichtchristliche Bericht über Prozesse gegen Christen.

    „Sie versicherten aber, ihre ganze Schuld oder ihr ganzer Irrtum habe darin bestanden, dass sie sich an einem bestimmten Tag vor Sonnenaufgang zu versammeln pflegten, Christus wie einem Gott im Wechsel ein Lied zu singen …“

    Plinius der Jüngere, Statthalter in Bithynien an der Nordküste Kleinasiens, war kein Christ. Er fragte Kaiser Trajan, wie er mit Angeklagten umgehen solle, die als Christen angezeigt wurden. Wer dabei blieb, wurde hingerichtet; frei kam nur, wer vor den Götterbildern und dem Bild des Kaisers opferte und Christus lästerte ().

    Was er über die Christen erfuhr, deckt sich mit ihren eigenen Schriften. Sie kommen an einem festen Tag vor Sonnenaufgang zusammen, singen Christus als Gott, verpflichten sich auf ein Leben ohne Diebstahl und Ehebruch und treffen sich später zu einem gemeinsamen Mahl. Gemeint ist wohl der Sonntag, den als „ersten Tag der Woche“ kennt und als „Tag des Herrn“.

    Plinius zeigt auch, was es kostete, Christ zu sein. Die Männer und Frauen, deren Glauben man später als Vermischung mit dem Heidentum hingestellt hat, ließen sich lieber töten, als den Göttern Weihrauch zu streuen.

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  8. Um 116: Tacitus berichtet, wie Nero die Christen in Rom töten ließ

    Tacitus – Römischer Senator und Geschichtsschreiber (um 58–120), selbst kein Christ. Seine Annalen, geschrieben um 115–117, schildern die Kaiserzeit von Tiberius bis Nero.

    „Man ergriff also zuerst die, die sich bekannten, dann auf ihre Anzeige hin eine gewaltige Menge …“

    Der römische Geschichtsschreiber Tacitus hielt nichts von den Christen und nennt ihren Glauben einen verderblichen Aberglauben. Deshalb wiegt sein Bericht. Nach dem Brand Roms im Jahr 64 suchte Kaiser Nero Schuldige und fand sie in den Christen. Er ließ sie in Tierfelle hüllen und von Hunden zerreißen, kreuzigen oder nachts als Fackeln verbrennen ().

    Den Namen der Christen führt Tacitus auf Christus zurück, den Pontius Pilatus unter Kaiser Tiberius hinrichten ließ. Es ist eine der ältesten Erwähnungen Jesu außerhalb der Bibel.

    In diese Verfolgung fällt nach alter Überlieferung auch der Tod der Apostel Petrus und Paulus in Rom. Der 1. Clemensbrief erinnert um 96 an beide; von Petrus heißt es, er habe „sein Zeugnis (für Christus) abgelegt“ ().

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  9. Um 150: Justin beschreibt den Gottesdienst am Sonntag

    Justin der Märtyrer – Philosoph aus Samarien, nach seiner Bekehrung christlicher Lehrer in Rom; verteidigte den Glauben in Schriften an den Kaiser und starb um 165 als Märtyrer.

    „An dem Tage, den man Sonntag nennt, findet eine Versammlung aller statt, die in Städten oder auf dem Lande wohnen; dabei werden die Denkwürdigkeiten der Apostel oder die Schriften der Propheten vorgelesen, solange es angeht.“

    Justin erklärt dem Kaiser, was Christen am Sonntag tun. Erst wird aus den Schriften der Apostel und der Propheten gelesen, dann hält der Vorsteher eine Ansprache, danach beten alle gemeinsam. Zuletzt werden Brot, Wein und Wasser gebracht, und der Vorsteher spricht das Dankgebet, dem das Volk mit Amen zustimmt.

    Die Bausteine stehen im Neuen Testament. verbindet den ersten Tag der Woche mit dem Brotbrechen; nennt das öffentliche Vorlesen, Ermahnen und Lehren; beschreibt die frühe Gemeinde mit den vier Kennzeichen „Lehre der Apostel“, „Gemeinschaft“, „Brechen des Brotes“ und „Gebete“.

    Wer heute eine katholische Messe besucht, erkennt den Ablauf wieder: Wortgottesdienst und Eucharistie gehören zu einer Feier zusammen (). Diese Ordnung ist fast 1900 Jahre alt.

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  10. Um 150: Für Justin ist die Eucharistie keine gewöhnliche Speise

    „Denn nicht als gemeines Brot und als gemeinen Trank nehmen wir sie; sondern … so sind wir belehrt worden, daß die … unter Danksagung geweihte Nahrung … Fleisch und Blut jenes fleischgewordenen Jesus sei.“

    Im selben Bericht sagt Justin, was die Christen in der Eucharistie empfangen. Gewöhnliches Brot ist es für sie nicht. Sie verbinden es mit dem Fleisch und Blut des menschgewordenen Christus, und Justin betont, so seien sie es gelehrt worden.

    Auch Paulus spricht in nicht nur von einem Erinnerungszeichen, sondern von „Teilhabe am Blut Christi“ und „Teilhabe am Leib Christi“. In warnt er davor, den Leib des Herrn nicht zu unterscheiden.

    Jesus selbst spricht in so deutlich, dass viele Jünger Anstoß nehmen: „Denn mein Fleisch ist wahrhaft eine Speise und mein Blut ist wahrhaft ein Trank“ (). Wolfgang Bühne liest diese Worte als Bild und beruft sich auf : „Der Geist ist es, der lebendig macht; das Fleisch nützt nichts“ (). Katholische Ausleger weisen darauf hin, dass Jesus dort vom „Fleisch“ spricht und nicht von „meinem Fleisch“, das er kurz zuvor als Brot „für das Leben der Welt“ bezeichnet (). Und als viele Jünger weggehen, ruft er sie nicht mit einer bildlichen Erklärung zurück, sondern fragt die Zwölf: „Wollt auch ihr weggehen?“ (; vgl. ).

    Wenn die Kirche heute von der wirklichen Gegenwart Christi in der Eucharistie spricht (), steht sie in einer Auslegung, die bis in die Mitte des 2. Jahrhunderts zurückreicht.

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  11. Um 150: Justin nennt die Taufe eine Wiedergeburt

    „Dann werden sie von uns an einen Ort geführt, wo Wasser ist, und werden neu geboren in einer Art von Wiedergeburt, die wir auch selbst an uns erfahren haben …“

    Wer Christ werden will, wird nach Justins Bericht zum Wasser geführt und im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes getauft. Justin nennt das eine Wiedergeburt, in der die früheren Sünden vergeben werden.

    Das Neue Testament spricht ähnlich stark. Petrus sagt: „Kehrt um und jeder von euch lasse sich auf den Namen Jesu Christi taufen zur Vergebung eurer Sünden“ (). Paulus wird aufgefordert: „Steh auf, lass dich taufen und deine Sünden abwaschen“ (). In verbindet Paulus die Taufe mit dem Tod und der Auferstehung Christi; spricht vom „Bad der Wiedergeburt“ und von der Taufe, „die jetzt euch rettet“.

    Eine Taufe als bloßes Zeichen des eigenen Bekenntnisses kennt Justin nicht. Die Kirche versteht sie bis heute als Sakrament, in dem Gott selbst handelt (; ).

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  12. Um 156: Die Gemeinde von Smyrna ehrt ihren Bischof Polykarp als Märtyrer

    Gemeinde von Smyrna – Die Kirche in Smyrna (Kleinasien) berichtet in einem Rundbrief vom Martyrium ihres Bischofs Polykarp, der nach Irenäus noch Schüler der Apostel war.

    „Christus beten wir an, weil er der Sohn Gottes ist. Die Blutzeugen aber lieben wir als Jünger und Nachahmer des Herrn …“

    Polykarp, Bischof von Smyrna, hatte nach Irenäus noch die Apostel gehört. Hochbetagt wurde er verbrannt, weil er sich weigerte, Christus zu lästern. Seine Gemeinde schrieb bald darauf einen Bericht an andere Kirchen, den ältesten erhaltenen über ein Martyrium nach dem Neuen Testament.

    Der Bericht trennt sorgfältig: Christus wird angebetet, die Märtyrer werden geliebt und geehrt. Die Christen sammeln Polykarps Gebeine, „kostbarer als edle Steine“, setzen sie bei und wollen sich dort jedes Jahr am Tag seines Todes versammeln, den sie den „Geburtstag seines Martyriums“ nennen ().

    Gedenktage am Todestag und die Ehre der Reliquien, wie die Kirche sie bis heute kennt, sind hier schon zu sehen; angebetet wird allein Gott (; ). fordert auf, an die Vorsteher zu denken, „die euch das Wort Gottes verkündet haben“, und ihren Glauben nachzuahmen.

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  13. Um 180: Irenäus beruft sich auf die Überlieferung der Apostel und die Reihe der Bischöfe

    Irenäus von Lyon – Bischof von Lyon in Gallien; stammte aus Kleinasien und hörte in seiner Jugend Polykarp, der noch von den Aposteln unterrichtet worden war.

    „Die von den Aposteln in der ganzen Welt verkündete Tradition kann in jeder Kirche jeder finden, der die Wahrheit sehen will, und wir können die von den Aposteln eingesetzten Bischöfe der einzelnen Kirchen aufzählen und ihre Nachfolger bis auf unsere Tage.“

    Gegen die Gnostiker, die sich auf geheime Lehren beriefen, setzt Irenäus nicht nur einzelne Bibelstellen. Er verweist auf die öffentlich überlieferte Lehre der Apostel und auf die Gemeinden, deren Bischöfe sich bis zu den Aposteln zurückverfolgen lassen. Hätten die Apostel eine Geheimlehre gehabt, so sein Gedanke, dann hätten sie sie denen anvertraut, denen sie die Kirchen übergaben.

    Auch dafür gibt es Vorbilder im Neuen Testament. Paulus fordert die Christen auf, an den Überlieferungen festzuhalten, die sie „sei es mündlich, sei es durch einen Brief“ empfangen haben (). Timotheus soll das von Paulus Gehörte zuverlässigen Lehrern anvertrauen (), Titus in den Städten Presbyter einsetzen ().

    Überlieferung und Nachfolge der Bischöfe gehören für Irenäus zusammen, und beides ist im 2. Jahrhundert fest verankert (; ).

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  14. Um 180: Irenäus nennt die Kirche von Rom als Maßstab und zählt ihre Bischöfe auf

    „Mit der römischen Kirche nämlich muß wegen ihres besonderen Vorranges jede Kirche übereinstimmen, d. h. die Gläubigen von allerwärts, denn in ihr ist immer die apostolische Tradition bewahrt …“

    Statt die Bischofslisten aller Kirchen aufzuzählen, wählt Irenäus eine aus: die der Kirche von Rom, gegründet von Petrus und Paulus. Mit ihr müsse wegen ihres besonderen Vorrangs jede Kirche übereinstimmen. Jedes spätere Papstdogma lässt sich daraus nicht ableiten, wohl aber, welches Gewicht Rom schon im 2. Jahrhundert hatte.

    Die Liste beginnt mit : Ihm übertrugen die Apostel nach Irenäus die Leitung der römischen Kirche, und Paulus erwähnt ihn in . Eigene Schriften oder Aussagen von sind nicht erhalten. An dritter Stelle nach den Aposteln folgt , dessen Brief nach Korinth am Anfang dieser Zeitleiste steht.

    Das Neue Testament selbst gibt Petrus eine besondere Stellung. Jesus gibt ihm die Schlüssel des Himmelreiches (), betet für seinen Glauben und beauftragt ihn, seine Brüder zu stärken (). In erhält Petrus dreimal den Auftrag, die Herde zu weiden, zuletzt mit den Worten: „Weide meine Schafe!“ In der Apostelgeschichte spricht er bei der Wahl des Matthias (), hält die Pfingstpredigt (), nimmt die ersten Heiden in die Kirche auf () und spricht beim Apostelkonzil ().

    Das Bild der Schlüssel stammt aus dem Alten Testament. Beim Propheten Jesaja setzt Gott Eljakim an Stelle Schebnas als Palastvorsteher des Königs ein: „Ich werde ihm den Schlüssel des Hauses David auf die Schulter legen. Er wird öffnen und niemand ist da, der schließt; er wird schließen und niemand ist da, der öffnet“ (). Der Schlüssel steht für ein Amt, das im Auftrag des Königs ausgeübt wird und von einem Träger auf den nächsten übergeht (). Den Schlüssel Davids hat Christus selbst (); Petrus erhält die Schlüssel als Verwalter in seinem Auftrag, also die Vollmacht, „das Haus Gottes, die Kirche, zu leiten“ ().

    Die katholische Lehre vom Dienst des Petrus und seiner Nachfolger wurzelt in der Schrift und in der ältesten Geschichte der Kirche (; ). Wie die Reihe der Bischöfe von Rom weitergeht, zeigt die Papstliste.

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  15. Um 180: Irenäus nennt die Eucharistie die Opfergabe der Kirche

    „Daher ist die Opfergabe der Kirche, die nach dem Auftrag des Herrn in der gesamten Welt dargebracht wird, als ein reines Opfer bei Gott angesehen und ihm angenehm …“

    Beim Propheten Maleachi heißt es, an jedem Ort werde Gott „eine reine Opfergabe“ dargebracht (). Irenäus liest das als Ankündigung der Eucharistie: Den Kelch habe Christus zur Opfergabe des Neuen Bundes gemacht, und die Kirche bringe sie, wie sie es von den Aposteln empfangen habe, auf der ganzen Welt Gott dar. Die Didache zitiert dasselbe Prophetenwort.

    Die Kirche versteht das nicht als erneute Tötung Christi. Das Kreuzesopfer bleibt einmalig; in der Eucharistie wird dieses eine Opfer gegenwärtig (). Paulus verbindet in Eucharistie, Tischgemeinschaft und die Sprache des Opfers. sagt, die Christen hätten einen „Altar“, und fordert die Gläubigen auf, sich „zu einer heiligen Priesterschaft“ aufbauen zu lassen, „um durch Jesus Christus geistige Opfer darzubringen“.

    Um 180 ist die Verbindung von Eucharistie und Opfer in Gallien selbstverständlich, und die Didache kennt sie einige Jahrzehnte früher.

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  16. Um 180: Irenäus sieht in Maria die neue Eva

    Papyrus Rylands 470 – Kleines Papyrusblatt aus Ägypten in der John Rylands Library in Manchester, beschrieben mit dem ältesten bekannten Gebet zu Maria.

    „So wurde auch der Knoten des Ungehorsams der Eva durch den Gehorsam Mariens gelöst; denn was die Jungfrau Eva durch ihren Unglauben angebunden hatte, das löste die Jungfrau Maria durch ihren Glauben.“

    Verblasste Wandmalerei in Rotbraun: Rechts sitzt Maria und hält das Kind auf dem Schoß, links steht ein Mann, meist als Prophet gedeutet, und weist mit der Hand nach oben.
    Maria mit dem Kind und ein Prophet, Priscillakatakombe in Rom (frühes 3. Jahrhundert). Wandmalerei: unbekannter Maler, Priscilla-Katakombe, Rom, gemeinfrei

    Paulus stellt Christus neben Adam: Durch den Ungehorsam des einen kam die Sünde, durch den Gehorsam des anderen die Gerechtigkeit (; ). Irenäus stellt ebenso Maria neben Eva. Eva war ungehorsam und brachte den Tod; Maria antwortete dem Engel „Siehe, ich bin die Magd des Herrn“ () und wurde „für sich und das gesamte Menschengeschlecht die Ursache des Heils“ ().

    Maria hat für Irenäus Anteil am Werk der Erlösung, durch ihren Glauben und ihren Gehorsam, ganz von Gottes Gnade getragen. Der Katechismus zitiert ihn an dieser Stelle (; ).

    Das älteste bekannte Bild Marias, in der Priscillakatakombe in Rom, stammt aus dem frühen 3. Jahrhundert: Maria hält das Kind, neben ihr steht ein Prophet (Priscillakatakombe). Auch das Gebet zu Maria ist früh bezeugt. Ein Papyrusblatt aus Ägypten enthält das älteste bekannte Mariengebet: „Unter deine Barmherzigkeit fliehen wir, Gottesgebärerin“ (). Datiert wird es meist ins 3. oder 4. Jahrhundert, einige Forscher setzen es später an. Im Westen beten Christen es bis heute als „Unter deinen Schutz und Schirm“.

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  17. Um 200: Tertullian prüft die Lehre an den Kirchen der Apostel

    Tertullian – Theologe in Karthago und der erste bedeutende lateinisch schreibende Kirchenschriftsteller; wandte sich später den Montanisten zu, einer strengen prophetischen Bewegung.

    „Denn da, wo sich offenkundig herausstellt, daß sich die echte Lehre und der echte christliche Glaube befindet, da werden auch die echte Hl. Schrift, die richtige Erklärung derselben und sämtliche echtchristlichen Überlieferungen sein.“

    Tertullian hält die Heilige Schrift hoch. Im Streit mit Irrlehrern will er aber nicht Bibelstelle gegen Bibelstelle setzen. Wer die Schrift richtig auslegt, entscheidet sich für ihn daran, wo die Lehre der Apostel bewahrt ist: in den Kirchen, die sie gegründet haben, und in der Reihe ihrer Bischöfe.

    Damit steht er näher an , wo Paulus schriftliche und mündliche Überlieferung nebeneinander nennt, als an der Vorstellung, die Kirche habe jede Glaubensfrage allein mit einem fertig abgegrenzten Bibelkanon entschieden, jeder Christ für sich.

    Die katholische Verbindung von Schrift und Überlieferung () ist demnach keine Antwort auf die Reformation. Sie ist rund 1300 Jahre älter.

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  18. Um 200: Bischof Aberkios lässt seinen Glauben in Stein meißeln

    Aberkios von Hierapolis – Bischof von Hierapolis in Phrygien (Kleinasien); ließ seine Grabinschrift mit 72 Jahren selbst verfassen. Zwei Bruchstücke des Steins stehen heute in den Vatikanischen Museen.

    „Der Glaube aber führte mich überall und setzte mir überall als Speise den Fisch von der Quelle vor … und diesen gab er den Freunden allezeit zu essen, er hat guten Wein und reicht den Mischtrank mit dem Brot.“

    Das erhaltene Bruchstück der Grabinschrift: ein unregelmäßiger, heller Marmorblock mit eingemeißelten griechischen Großbuchstaben in zwei Feldern, auf einem Sockel vor einer Holzwand.
    Die Grabinschrift des Aberkios in den Vatikanischen Museen. Foto: Fabrizio Garrisi, CC BY-SA 4.0

    Die Grabinschrift des Aberkios ist ein Zeuge aus Stein. Der Bischof aus Phrygien ließ sie mit 72 Jahren verfassen, spätestens 216, denn in diesem Jahr ahmte sie schon ein anderes Grab in der Gegend nach. Zwei Bruchstücke des Steins fand der Archäologe William Ramsay 1883; heute stehen sie in den Vatikanischen Museen.

    Der Text spricht in Bildern, die Christen verstanden. Aberkios nennt sich Jünger des reinen Hirten. Der Glaube habe ihn nach Rom geführt, wo er „ein Volk“ sah, „das ein leuchtendes Siegel trägt“, gemeint ist wohl die Taufe (vgl. ). Überall habe ihm der Glaube den Fisch zur Speise gegeben, mit Wein und Brot. Der Fisch, griechisch ichthys, steht für die Anfangsbuchstaben von Jesus Christus, Gottes Sohn, Erlöser; die reine Jungfrau, die ihn gefasst hat, deuten die meisten als Maria. Am Ende bittet Aberkios: „Wer dies versteht und gleich gesinnt ist, bete für Aberkios“ ().

    So beschreibt ein Bischof um 200 seinen Glauben: die Eucharistie als Speise, die Christus selbst ist, Rom als Ziel seiner Reise und das Gebet der Lebenden für die Toten. Die Verse über Wein und Brot und die Bitte um das Gebet sind nur in einer späteren Lebensbeschreibung des Aberkios erhalten. Die Teile auf dem Stein zeigen, dass sie den Text treu wiedergibt.

    Quellen

  19. Um 200: Ein Spottbild auf dem Palatin zeigt einen Christen vor dem Gekreuzigten

    Alexamenos-Graffito – Ritzzeichnung in einem Gebäude auf dem Palatin in Rom, wohl einer Schule für junge Diener des Kaiserhofs; 1857 entdeckt, heute im Museo Palatino.

    „Alexamenos verehrt Gott.“

    Strichzeichnung einer Wandritzung: Ein Gekreuzigter mit Eselskopf, von hinten gesehen; links davor ein Mann, der eine Hand erhebt; darunter in griechischen Großbuchstaben „Alexamenos verehrt Gott“.
    Das Alexamenos-Graffito vom Palatin in Rom, Nachzeichnung. Nachzeichnung (1904): unbekannter Zeichner, veröffentlicht 1904, gemeinfrei

    Auf dem Palatin, in einem Gebäude am Kaiserpalast, ritzte jemand eine Zeichnung in den Putz: einen Gekreuzigten mit Eselskopf und davor einen jungen Mann, der die Hand hebt. Darunter steht auf Griechisch, Alexamenos verehre Gott.

    Gemeint war das als Spott. Unter Heiden ging das Gerücht, Juden und Christen verehrten einen Esel. Ungewollt hält der Zeichner fest, was Christen bekannten: Sie beteten den Gekreuzigten als Gott an, den Paulus den Heiden eine Torheit nennt (; ).

    Wann die Ritzung entstand, lässt sich nicht sicher sagen. Meist wird sie um 200 datiert; älter als die Jahre 123 und 126, aus denen die Ziegel des Baus stammen, kann sie nicht sein ().

    Quellen

  20. 203: Perpetua betet im Gefängnis für ihren verstorbenen Bruder

    Perpetua – Junge Frau aus vornehmer Familie in Karthago, Mutter eines Säuglings; starb 203 mit ihrer Sklavin Felizitas und anderen in der Arena. Ihr Bericht aus dem Gefängnis gehört zu den ältesten erhaltenen Texten einer christlichen Frau.

    „Ich erkannte auch sofort, daß ich würdig sei und für ihn beten müsse, und fing an, für ihn viele Gebete zu sprechen und zum Herrn zu seufzen.“

    Perpetua war etwa 22 Jahre alt, verheiratet und Mutter eines Säuglings, als sie 203 in Karthago verhaftet wurde. Im Gefängnis schrieb sie selbst auf, was sie erlebte. Mitten im Gebet kommt ihr ihr Bruder Dinokrates in den Sinn, der mit sieben Jahren an einer Krankheit gestorben war, und sie betet Tag und Nacht für ihn.

    In einer Vision sieht sie ihn zuerst durstig an einem finsteren Ort, nach ihren Gebeten gewaschen, geheilt und spielend, und sie erkennt, „daß er aus der Strafe entlassen war“ (). Dass Gebet den Verstorbenen helfen kann, steht für sie außer Frage (). Kurz darauf starb sie mit ihrer Sklavin Felizitas in der Arena.

    Quellen

  21. Anfang 3. Jh.: In der Kallixtus-Katakombe malen Christen Taufe und Eucharistie

    Wandmalerei auf hellem Putz: Ein grüner Fisch trägt auf dem Rücken einen geflochtenen Korb, gefüllt mit runden Broten; durch das Geflecht schimmert etwas Rotes.
    Fisch und Brotkorb, Wandmalerei in der Kallixtus-Katakombe. Wandmalerei (Aufnahme 1903): Joseph Wilpert, Die Malereien der Katakomben Roms (1903), gemeinfrei

    An der Via Appia legte die Gemeinde von Rom um 200 ihre erste eigene Begräbnisstätte an, die heutige Kallixtus-Katakombe. In fünf kleinen Grabkammern, den sogenannten Sakramentskammern, malten Christen zu Anfang des 3. Jahrhunderts Bilder der Taufe und der Eucharistie an die Wände (Kallixtus-Katakombe).

    Dort findet sich die älteste bekannte Darstellung einer Taufe: Ein Mann in Tunika und Mantel legt dem Täufling, der mit den Füßen im Wasser steht, die Hand auf den Kopf. Für die Eucharistie wählten die Christen die Speisung mit Brot und Fischen (), die Jesus selbst auf das Brot deutet, das sein Fleisch ist „für das Leben der Welt“ (). Das Bild zeigt Fisch und Brotkorb aus einem anderen Teil derselben Katakombe.

    Die Katakombe erklärt die Bilder heute so: Durch die Taufe seien die Christen Christen geworden, durch die häufige Kommunion Christen geblieben. An den Gräbern, wo es um das ewige Leben ging, malten sie also die Sakramente des Anfangs ().

  22. Um 210: Tertullian kennt das Opfer für die Verstorbenen am Jahrestag

    „Die Opfer für die Verstorbenen bringen wir am Jahrestage als ihrem Geburtstage dar.“

    Für Tertullian ist es fester Brauch, am Todestag eines Verstorbenen das Opfer darzubringen, und eine Witwe betet für die Seele ihres Mannes und erbittet ihm die Erquickung. Die spätere Lehre vom Fegefeuer ist damit nicht in allen Einzelheiten belegt. Das Gebet für die Toten, auf dem sie aufbaut, reicht aber weit hinter das Mittelalter zurück.

    Der klarste biblische Bezug steht in , wo für Verstorbene gebetet und geopfert wird. Im Neuen Testament wird häufig angeführt: Paulus bittet für Onesiphorus, der Herr möge ihm „an jenem Tag“ Barmherzigkeit schenken. beschreibt eine Prüfung nach dem Tod, bei der jemand Verlust erleidet und dennoch gerettet wird.

    Die Kirche sieht das Gebet für die Verstorbenen im Zusammenhang mit der Gemeinschaft der Heiligen und mit einer letzten Läuterung nach dem Tod (; ).

    Quellen

  23. Um 230: Die ältesten bekannten Kirchenräume haben einen Taufraum und einen Tisch für die Eucharistie

    Gebetssaal bei Megiddo – Christlicher Versammlungsraum mit Mosaikboden, 2005 bei Megiddo in Israel auf dem Gelände eines Gefängnisses ausgegraben.

    „Die gottliebende Akeptous hat den Tisch dem Gott Jesus Christus zum Gedächtnis dargebracht.“

    Mosaikboden mit geflochtenen Randbändern; in einem gerahmten Feld eine griechische Inschrift aus dunklen Steinchen auf hellem Grund, daneben ein Blattmuster.
    Mosaik mit der Inschrift der Akeptous, Megiddo. Foto: Vesafis Tzferris, CC BY-SA 4.0

    In Dura-Europos am Euphrat bauten Christen um 233 ein Wohnhaus zu einer Kirche um. Ein großer Saal diente der Versammlung, ein eigener Raum der Taufe, mit einem Becken unter einem Baldachin und Wandbildern vom guten Hirten und von den Frauen am leeren Grab. Als die Römer die Stadt 256 gegen die Perser verteidigten, schütteten sie an der Stadtmauer einen Wall auf, der das Haus begrub und so erhielt (Hauskirche von Dura Europos).

    Bei Megiddo in Israel fanden Archäologen 2005 einen Gebetssaal mit Mosaikboden. Eine Frau namens Akeptous stiftete darin den Tisch „dem Gott Jesus Christus zum Gedächtnis“ (). Gemeint ist wohl der Tisch, an dem die Eucharistie gefeiert wurde, die Jesus „zu meinem Gedächtnis“ zu feiern aufgetragen hat (). Die Ausgräber datieren den Saal um 230, andere Forscher ein Jahrhundert später.

    Quellen

  24. Ab 235: In der Papstgruft liegen die Bischöfe von Rom

    Die Papstgruft in der Calixtus-Katakombe: ein enger, von oben beleuchteter Raum aus Ziegelmauerwerk mit Grabnischen und einer antiken Säule; unten das Schild „Cripta dei Papi – Secolo III“.
    Papstgruft der Calixtus-Katakombe. Foto: Dnalor 01, CC BY-SA 3.0

    In der Kallixtus-Katakombe richtete die Gemeinde von Rom im 3. Jahrhundert eine Gruft für ihre Bischöfe ein. Neun von ihnen wurden hier begraben, von fünf sind die Grabplatten erhalten, darunter die des († 235), des († 236) und des († 250). Die Namen stehen auf Griechisch da, viermal mit dem Titel „Bischof“, zweimal mit dem Zusatz „Märtyrer“ (Kallixtus-Katakombe).

    Die Reihe, die Irenäus um 180 aufzählt, setzt sich hier in Stein fort. Bischof wurde am 6. August 258 in dieser Katakombe von Soldaten überrascht, als er eine Versammlung der Gemeinde leitete, und hingerichtet. Wie die Reihe bis heute weitergeht, zeigt die Papstliste.

  25. Um 251: Cyprian sieht die Einheit der Kirche in Petrus begründet

    Cyprian von Karthago – Bischof von Karthago in Nordafrika seit 248/249; leitete mehrere Synoden der afrikanischen Bischöfe und starb 258 als Märtyrer.

    „Auf einen baut er die Kirche, und obwohl er den Aposteln allen nach seiner Auferstehung gleiche Gewalt erteilt …, so hat er dennoch, um die Einheit deutlich hervorzuheben, durch sein Machtwort es so gefügt, daß der Ursprung eben dieser Einheit von einem sich herleitet.“

    Cyprian, Bischof von Karthago, schreibt mitten in einer Spaltung. In Rom hatte sich gegen Bischof Cornelius ein Gegenbischof aufstellen lassen, und auch in Nordafrika trennten sich Gruppen von ihren Bischöfen. Cyprian antwortet mit : Christus habe die Kirche auf einen gebaut, damit sie als eine erkennbar sei. Die übrigen Apostel hätten dieselbe Vollmacht erhalten, der Anfang aber gehe von Petrus aus.

    Das Kapitel ist in zwei Fassungen erhalten. In der zweiten heißt es, „der Vorrang wird dem Petrus gegeben“, und wer „den Stuhl Petri“ verlasse, auf den die Kirche gegründet sei, stehe nicht mehr in ihr (). Von Cyprian stammt auch der Satz, Gott könne nicht zum Vater haben, wer die Kirche nicht zur Mutter habe.

    An Cornelius schreibt er wenig später, seine Gegner seien „zum Stuhle Petri und zur Hauptkirche“ gereist, „dem Ausgangspunkt der bischöflichen Einheit“ (). Mit Bischof Stephan von Rom geriet er später über die Taufe von Häretikern in heftigen Streit. Auch das gehört zur Geschichte: Der Vorrang Roms war früh anerkannt, wie weit er reicht, wurde noch lange erörtert ().

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  26. 253: Die Bischöfe Nordafrikas wollen Neugeborene ohne Aufschub taufen

    „Ganz anderer Meinung war unsere Versammlung. Denn dem, was du für richtig hieltest, stimmte niemand zu, sondern unser allgemeines Urteil ging vielmehr dahin, daß man keinem einmal geborenen Menschen Gottes Barmherzigkeit und Gnade versagen darf.“

    Bischof Fidus hatte gefragt, ob man Neugeborene erst am achten Tag taufen dürfe, wie im Alten Bund die Beschneidung. Die Synode unter Cyprian, mehr als sechzig Bischöfe, antwortet: nicht warten. Ob Kinder getauft werden, steht für keinen von ihnen in Frage; strittig ist nur, wie bald nach der Geburt.

    Schon um 180 zählt Irenäus die Säuglinge zu denen, die durch Christus „für Gott wiedergeboren werden“ (). Im Neuen Testament werden ganze Häuser getauft, das der Lydia (), das des Gefängniswärters in Philippi () und das des Stephanas (), und Petrus sagt zu Pfingsten, die Verheißung gelte „euch und euren Kindern“ ().

    Tertullian riet um 200, mit der Taufe kleiner Kinder lieber zu warten (Über die Taufe 18); dass sie getauft wurden, setzt er voraus. Die Kirche hält an der Kindertaufe fest, weil die Taufe Gottes Geschenk ist und nicht erst die Antwort eines Erwachsenen (; ).

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  27. Um 260: Besucher an der Via Appia bitten Petrus und Paulus um ihr Gebet

    Memoria Apostolorum an der Via Appia – Gedenkstätte für Petrus und Paulus unter der heutigen Kirche San Sebastiano in Rom. In einem offenen Saal (Triclia) hielten Christen etwa von 258 bis um 320 Gedächtnismahle und ritzten mehr als 600 Bitten in die Wände.

    „Paulus und Petrus, bittet für Victor.“

    Unter der Kirche San Sebastiano an der Via Appia legten Archäologen im 20. Jahrhundert einen offenen Saal frei, in dem Christen sich etwa von 258 bis um 320 zu Mahlfeiern zum Gedächtnis von Petrus und Paulus trafen. In die bemalten Wände ritzten sie mehr als 600 Bitten und Notizen.

    Viele richten sich an die beiden Apostel. Einer schreibt auf Latein „Paule ed Petre, petite pro Victore“, Paulus und Petrus, bittet für Victor; andere bitten die Apostel, an einen Verstorbenen oder Lebenden zu denken ().

    Dieselben Christen, die um 258 eine neue Verfolgung erlebten, baten die Heiligen um ihr Gebet, so selbstverständlich wie Paulus die Gemeinden um ihr Gebet bat (; ). Christus bleibt dabei der eine Mittler zwischen Gott und den Menschen (). Wer bei ihm lebt, kann für andere bitten; die Offenbarung zeigt die Gebete der Heiligen vor Gottes Thron (; ).

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  28. 313: Die Mailänder Vereinbarung gibt allen Religionen Freiheit

    Laktanz – Lateinischer Rhetor und Apologet in Nordafrika und Nikomedien; erlebte die Verfolgung unter Diokletian und wurde später Lehrer von Konstantins Sohn Crispus.

    „… in der Art, daß wir sowohl den Christen wie auch allen übrigen freie Befugnis gewährten, der Religion sich anzuschließen, die jeder sich wählen würde …“

    Nach der letzten großen Verfolgung unter Diokletian kamen die Kaiser Konstantin und Licinius 313 in Mailand überein, dass jeder die Religion ausüben darf, die er wählt, die Christen und ebenso alle anderen. Laktanz, der die Verfolgung selbst erlebt hatte, gibt das Schreiben wieder, mit dem Licinius die Vereinbarung im Osten bekannt machte ().

    Christen hatten diese Freiheit lange gefordert. Tertullian schrieb um 212 an einen Statthalter: „Nicht einmal Sache der Gottesverehrung ist es, zur Gottesverehrung zu zwingen“ (), und Laktanz selbst: „Die Religion ist mehr als alles Sache der Freiwilligkeit“ ().

    Mit Konstantin wurde die Kirche also nicht zur Staatsreligion; das geschah erst 380 unter Theodosius I. (Dreikaiseredikt). Dass Christen später selbst Andersgläubige verfolgten, bekennt die Kirche als Schuld; mehr dazu in der Rezension zu Ebertshäusers Website. Ihre ersten Theologen hatten anderes gelehrt.

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  29. Um 350: Cyrill von Jerusalem erklärt den Neugetauften die Eucharistie

    Cyrill von Jerusalem – Bischof von Jerusalem (um 350–386); erklärte den Neugetauften in der Osterwoche Taufe, Firmung und Eucharistie. Ob die erhaltenen Erklärungen von ihm oder von seinem Nachfolger Johannes stammen, ist umstritten.

    „Betrachte daher Brot und Wein nicht als rein irdische Dinge! Denn nach der Versicherung des Herrn sind sie Leib und Blut Christi.“

    In der Woche nach Ostern erklärte der Bischof von Jerusalem den Neugetauften, was sie in der Osternacht empfangen hatten. Weil Christus vom Brot gesagt hat „das ist mein Leib“, soll niemand mehr zweifeln. Der Geschmack sagt Brot und Wein, der Glaube aber weiß, dass es Leib und Blut Christi sind ().

    Im Gebet über den Gaben bittet die Kirche Gott, den Heiligen Geist herabzusenden, „um das Brot zum Leibe Christi, den Wein zum Blute Christi zu machen“ (). So beten die Hochgebete der Messe bis heute ().

    Ob diese Erklärungen von Cyrill selbst stammen oder von seinem Nachfolger Johannes, ist umstritten. Sie zeigen in jedem Fall, was in Jerusalem im 4. Jahrhundert gelehrt wurde.

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  30. Um 350: In der Messe gedenkt die Kirche der Heiligen und betet für die Verstorbenen

    „Alsdann gedenken wir derer, die bereits entschlafen sind, vor allem der Patriarchen, Propheten, Apostel, Märtyrer, damit Gott durch deren Gebete und Fürbitten unser Flehen erhöre.“

    Nach dem Gebet über den Gaben betet die Gemeinde in Jerusalem für die Kirche, für die Kranken und alle, die Hilfe brauchen. Dann nennt sie die Heiligen, damit Gott auf ihre Fürsprache hört, und betet schließlich für alle Verstorbenen. Cyrill begründet das: Den Seelen nütze es sehr, wenn während des Opfers für sie gebetet werde.

    In einem Text des 4. Jahrhunderts steht hier beieinander, was auf dieser Seite einzeln begegnet: die Eucharistie als Opfer, das Gedächtnis der Heiligen und ihre Fürbitte, das Gebet für die Toten. Der Katechismus zitiert diese Stelle, wenn er erklärt, warum die Messe auch für die Verstorbenen gefeiert wird ().

    Quellen

  31. 367–397: Athanasius und Augustinus zählen die Bücher der Bibel auf

    Athanasius von Alexandrien – Bischof von Alexandrien (328–373); verteidigte das Bekenntnis von Nicäa zur Gottheit Christi gegen die Arianer und wurde dafür fünfmal verbannt.

    Augustinus – Bischof von Hippo Regius in Nordafrika (395–430); der einflussreichste lateinische Kirchenvater, auf den sich auch die Reformatoren oft beriefen.

    „Bezüglich der kanonischen Geltung der Schriften folge er dem Ansehen der großen Mehrzahl der katholischen Kirchen …“

    Eine Pergamentseite mit vier schmalen Spalten griechischer Großbuchstaben, ohne Wortabstände geschrieben.
    Codex Sinaiticus, Anfang des Matthäusevangeliums (4. Jahrhundert). Handschrift: Codex Sinaiticus, British Library, London, gemeinfrei

    Die ersten Christen besaßen die Schriften der Apostel, aber noch keine überall gleich abgegrenzte Sammlung von 27 Büchern. Welche Schriften dazugehören, hat die Kirche über rund drei Jahrhunderte geklärt.

    Früh galten sie als Wort der Apostel: zählt Paulusbriefe zu den „Schriften“, zeigt, dass apostolische Briefe zwischen Gemeinden ausgetauscht wurden, und verlangt, sie öffentlich vorzulesen. Um einige Bücher wurde aber lange gerungen, etwa um den Jakobusbrief, den zweiten Petrusbrief und die Offenbarung (Eusebius, Kirchengeschichte III 25).

    367 zählt Athanasius, Bischof von Alexandrien, als Erster genau die 27 Bücher auf, die heute das Neue Testament bilden: „Dieses sind die Quellen des Heiles“ (). Beim Alten Testament folgt er der jüdischen Zählung und empfiehlt Weisheit, Sirach, Ester, Judit und Tobit nur zum Lesen. Augustinus und die nordafrikanischen Synoden von Hippo und Karthago zählen diese Bücher zum Kanon. Augustinus stützt sich dabei auf das Urteil der Kirchen, vor allem derer, die von Aposteln gegründet wurden ().

    Das hat Folgen für die Frage nach „Schrift allein“. Die ersten Christen hatten die Heilige Schrift, aber sie lebten zugleich in einer Gemeinschaft mit Lehre, Gottesdienst und Ämtern, die von den Aposteln herkam. Auch und sagen, dass nicht alles aufgeschrieben wurde, was Jesus tat und lehrte. Die Kirche hat den Kanon nicht geschaffen, aber in der Überlieferung der Apostel erkannt und bewahrt (; ).

    Auch die ältesten vollständigen Bibeln stammen aus dieser Kirche. Der Codex Vaticanus und der Codex Sinaiticus, beide aus dem 4. Jahrhundert, enthalten mit dem Alten Testament auch Bücher wie Tobit, Judit und die Weisheit.

    Quellen

Was die Zeugnisse zeigen

Einzelne Sätze lassen sich verschieden deuten. Schwerer wiegt, was die Zeugnisse zusammen ergeben und was Menschen bestätigen, die selbst keine Christen waren.

Derselbe Glaube an vielen Orten

„… ist es dann auch nur wahrscheinlich, daß so viele und so große Kirchen sich zu demselben Glauben würden verirrt haben?“

Wo die Zeugen lebten

RomKorinthAntiochienBithynienSmyrnaLyonKarthagoHierapolisDura-EuroposMegiddoMailandJerusalemAlexandrienHippo
Antippen führt zum ersten Zeugnis des Ortes. Kartengrundlage: Natural Earth, naturalearthdata.com (gemeinfrei).

Die Zeugnisse stammen aus weit entfernten Gegenden: Ignatius schreibt in Syrien, Justin in Rom, Irenäus in Gallien, Cyprian in Nordafrika, Aberkios in Kleinasien, Cyrill in Jerusalem. Sie alle kennen Bischöfe in der Nachfolge der Apostel, feiern die Eucharistie als Leib und Blut Christi und als Opfer, verstehen die Taufe als Wiedergeburt und beten für die Verstorbenen. Keiner von ihnen hält das für eine Neuerung. Sie berufen sich auf das, was die Apostel den Kirchen übergeben haben.

Tertullian zog daraus schon um 200 den Schluss: Was sich bei vielen „als eine Einheit vorfindet, das ist nicht Folge eines Irrtums, sondern Überlieferung“ ().

Was fehlt

In keinem dieser Zeugnisse findet sich die Schrift als alleinige Glaubensregel ohne verbindliche Überlieferung, eine Gemeinde ohne Amtsträger in der Nachfolge der Apostel, ein Abendmahl als bloßes Gedächtnismahl oder eine Taufe als bloßes Bekenntniszeichen. Als geschlossene Lehre gibt es diese Positionen erst seit der Reformation im 16. Jahrhundert.

Kein Bruch und kein Protest

Die Vorstellung, die Kirche sei schon im 2. Jahrhundert vom Evangelium abgefallen, findet in diesen Quellen keinen Anhalt. Sie zeigen keinen Bruch, sondern dieselbe Kirche an vielen Orten zugleich.

Dabei stritten die frühen Christen heftig, wenn ihnen etwas neu vorkam. Um 190 gerieten Rom und die Kirchen Kleinasiens über den Ostertermin aneinander, und Irenäus mahnte zum Frieden (Eusebius, Kirchengeschichte V 24). 251 spaltete Novatian die Gemeinde von Rom, 325 trat das Konzil von Nicäa gegen die Lehre des Arius zusammen. Über Bischöfe und das Opfer der Eucharistie ist kein solcher Streit überliefert; bei der Taufe kleiner Kinder riet Tertullian nur zum Warten, ohne sie eine Neuerung zu nennen. Eine Änderung dieser Größe hätte Spuren hinterlassen.

Auch hatten die Zeugen wenig Grund, heidnische Bräuche zu übernehmen. Viele starben, weil sie sich weigerten, den Göttern zu opfern; das berichten nicht nur sie selbst, sondern auch Plinius und Tacitus.

Die Gegenprobe des Ostens

Wären Bischöfe, Messopfer und Gebet für die Toten Erfindungen Roms, müssten sie dort fehlen, wo man sich früh von Rom getrennt hat. Die Assyrische Kirche des Ostens ging nach dem Konzil von Ephesus 431 eigene Wege, die Kopten, Armenier und syrischen Christen der orientalisch-orthodoxen Kirchen nach dem Konzil von Chalcedon 451, die orthodoxen Kirchen in den Jahrhunderten danach.

Alle haben bis heute Bischöfe in der Nachfolge der Apostel, feiern die Eucharistie als Opfer, beten für die Verstorbenen und verehren Maria und die Heiligen. Das Zweite Vatikanische Konzil hält fest, dass die Kirchen des Ostens „wahre Sakramente besitzen, vor allem aber in der Kraft der apostolischen Sukzession das Priestertum und die Eucharistie“ (). Was diese Kirchen gemeinsam haben, ist also älter als ihre Trennung, älter als das Jahr 431.

Wer die Bibel weitergab

Die Zeugnisse zeigen auch, wem die Christen das Neue Testament verdanken. Dieselben Gemeinden, die Bischöfe hatten, die Eucharistie als Opfer feierten und für ihre Toten beteten, haben die Schriften der Apostel abgeschrieben, im Gottesdienst gelesen und schließlich als Kanon aufgezählt. Wer die 27 Bücher des Neuen Testaments als Wort Gottes annimmt, vertraut in dieser Frage dem Urteil dieser Kirche.

Hinzu kommt eine einfache Beobachtung. Welche Bücher zur Bibel gehören, steht in keinem dieser Bücher, und der Satz, die Schrift allein sei Richtschnur des Glaubens, findet sich in ihnen auch nicht. Beides kennt ein Christ nur aus der Überlieferung, an der Paulus die Gemeinden festzuhalten bittet ().

Was die Reformatoren selbst festhielten

Viele Überzeugungen heutiger Freikirchen sind jünger als die Reformation. Das Augsburger Bekenntnis, mit dem sich die Lutheraner 1530 vor dem Kaiser erklärten, lehrt, „daß man auch die Kinder taufen soll“, und verwirft die, „die lehren, daß die Kindertaufe nicht richtig sei“. Vom Abendmahl sagt es, dass „der wahre Leib und das wahre Blut Christi wirklich unter der Gestalt des Brotes und Weines im Abendmahl gegenwärtig ist“ ().

Ein Jahr zuvor hatte Luther in Marburg gegen Zwingli auf den Worten „Das ist mein Leib“ bestanden (Marburger Religionsgespräch). Das Abendmahl als bloßes Zeichen und die Taufe erst nach dem eigenen Bekenntnis setzten sich mit Zwingli und den Täufern durch, gegen den Widerspruch Luthers.

Überall, immer, von allen

„… daß wir das festhalten, was überall, was immer und was von allen geglaubt wurde; denn das ist im wahren und eigentlichen Sinne katholisch.“

Vinzenz von Lérins hat 434 einen Maßstab beschrieben, an dem sich eine Lehre messen lassen muss. Die Zeugnisse dieser Seite bestehen ihn in den Fragen, um die es hier geht: Sie kommen aus allen Teilen der damaligen Christenheit, aus vier Jahrhunderten, von Bischöfen, Märtyrern und einfachen Gläubigen.

Was die frühen Quellen nicht zeigen

Damit ist nicht jede spätere Entwicklung vorweggenommen. Die Lehre von der Wandlung, die Dogmen über Maria und die Gestalt des Papsttums haben eine lange Geschichte, und manches sah die frühe Kirche anders: Eine Synode in Elvira in Spanien verbot um 306 Bilder an den Wänden der Kirchen (Synode von Elvira). Die Wurzeln liegen aber in der Kirche, von der hier die Rede ist, und nicht außerhalb von ihr.

Die Probe

Wer evangelisch oder freikirchlich glaubt, kann die Probe selbst machen: Wo in diesen vier Jahrhunderten wäre die eigene Gemeinde zu finden? Wer antwortet, sie stehe in der Bibel, ist wieder bei der Frage, wer diese Bibel gesammelt, abgeschrieben und weitergegeben hat.