Irenäus spricht von Völkern, die den Glauben ohne geschriebene Bibel angenommen haben, und er lobt sie. Kurz davor spielt er durch, was wäre, wenn die Apostel nichts aufgeschrieben hätten: „Hätten nämlich die Apostel nichts Schriftliches uns hinterlassen, dann müßte man eben der Ordnung der Tradition folgen, die sie den Vorstehern der Kirchen übergeben haben“ (Iren. haer. III 4,1–2).
Bücher waren teuer, und lesen konnten wenige. Nach dem Höchstpreisedikt Diokletians von 301 durfte ein Schreiber für hundert Zeilen bester Schrift 25 Denare verlangen, so viel wie ein Landarbeiter am Tag neben der Kost (Edikt VII 1 und 39↗). Die vier Evangelien abschreiben zu lassen, kostete danach etwa drei Monatslöhne, ohne das Pergament. Lesen konnte nach der Schätzung des Historikers William V. Harris etwa jeder Zehnte im Römischen Reich (Ancient Literacy, 1989). Noch 1533, elf Jahre nach Luthers Neuem Testament, besaßen nach Schätzungen nur etwa zehn Prozent der deutschen Haushalte eines (WiBiLex↗).
Die Christen kannten die Schrift trotzdem: Sie hörten sie im Gottesdienst, und den Glauben lernten sie im Bekenntnis, das die Kirche ihnen übergab. Cyrill von Jerusalem gibt um 350 den Taufbewerbern das Bekenntnis zum Auswendiglernen. Es sei „aus der ganzen Schrift befestigt“, sagt er, und doch übergibt er es mündlich und erklärt, warum: „Weil nämlich nicht alle die Schriften lesen können“ (Cyr. cat. 4,17; 5,12).
Sola scriptura verlangt nicht, dass jeder eine Bibel besitzt; auch die Reformatoren setzten auf die Predigt. Die Regel aber, nach der die meisten Christen fünfzehn Jahrhunderte lang glaubten, hielten sie nicht als Buch in der Hand. Sie hörten sie in der Kirche.