Trient habe die Apokryphen „etwa 2000 Jahre zu spät“ zur Bibel erklärt
Liebi schreibt„Die Kirche von Rom kam damit etwa 2000 Jahre zu spät.“ (Die Bibel, S. 33–34)
Die Quellen zeigenDie Synode von Hippo zählte schon 393 Tobit, Judit, die Weisheit, Sirach und zwei Makkabäerbücher zur Schrift, Augustinus ebenso (Aug. doctr. chr. II 8,12–13); Trient bestätigte 1546, was die Kirche seit über tausend Jahren las (KKK 120; 138).
Liebis Argument ist klar gebaut. In Israel galten nur Bücher beglaubigter Propheten, nach Maleachi um 400 vor Christus kam kein Prophet mehr, und Jesus erkannte den Kanon so an, wie ihn das Judentum bis heute liest. Darum sei das, „was auf dem Konzil von Trient (1545 – 1563) geschah, völlig abwegig“ gewesen (Die Bibel, S. 33–34). Über die strittigen Bücher urteilt er, sie enthielten „zahlreiche historische, ethische und lehrmäßige Fehler“ (Die Bibel, S. 32).
Die Geschichte verlief anders, als das Wort „zu spät“ vermuten lässt. Die ersten Christen lasen das Alte Testament meist griechisch, in der Septuaginta, und dort standen diese Bücher. Als die Kirche in Nordafrika die Liste der heiligen Bücher festhielt, nannte die Synode von Hippo 393 ausdrücklich Tobit, Judit, Ester, „zwei Makkabäerbücher“ und fünf Bücher Salomos, darunter die Weisheit und Sirach; die Synode von Karthago bestätigte sie 397. Augustinus zählt im selben Jahrzehnt „die zwei Bücher der Makkabäer“ zum „ganzen Kanon der heiligen Schriften“ (Aug. doctr. chr. II 8,12–13). Das Konzil von Florenz bestätigte diese Liste 1442, das Konzil von Trient 1546 noch einmal. Es kam also nicht zweitausend Jahre zu spät, sondern hielt fest, was die lateinische Kirche seit dem 4. Jahrhundert las.
Ganz ohne Grund ist Liebis Einwand nicht. In der frühen Kirche gab es über diese Bücher keine einhellige Meinung. Athanasius von Alexandrien zählt sie 367 nicht zum Kanon, sondern zu den Büchern, die „von den Vätern für diejenigen zum Lesen vorgeschrieben sind, welche erst eintreten“ (Athan. ep. fest. 39), und auch Hieronymus zögerte. Luther hat sie in seine Bibel aufgenommen, als Bücher, die „nützlich und gut zu lesen“ seien. Wer davon spricht, müsste aber die ganze Geschichte erzählen.
Bei den „Fehlern“ widerspricht Liebi sich selbst. In „Der Messias im Tempel“ nennt er das erste Makkabäerbuch „geschichtlich eine sehr zuverlässige Fundgrube“ (Messias im Tempel, S. 79). Jesus feierte das Fest, von dessen Ursprung nur die Makkabäerbücher erzählen: „Es war aber das Fest der Tempelweihe in Jerusalem; und es war Winter“ (Joh 10,22; 1 Makk 4,59). Der Hebräerbrief erinnert an die Märtyrer aus 2 Makk 7: „andere aber wurden gefoltert, da sie die Befreiung nicht annahmen, auf daß sie eine bessere Auferstehung erlangten“ (Hebr 11,35; vgl. 2 Makk 7,9). Dass das Neue Testament ein Buch nicht ausdrücklich zitiert, entscheidet ohnehin nichts: Ester, Kohelet und das Hohelied zitiert es auch nicht, den Henoch aber schon (Jud 1,14).
Die Kirche zählt heute 46 Bücher des Alten und 27 des Neuen Testaments (KKK 138). Nach ihrer Lehre hat sie diese Liste nicht erfunden; „die apostolische Überlieferung ließ die Kirche unterscheiden“, welche Schriften dazugehören (KKK 120).
QuellenAug. doctr. chr. II 8,12–13 Athan. ep. fest. 39
Frühe KircheAthanasius und Augustinus, 367–397